Mittelalter und Renaissance: Vom Reigen zum höfischen Paartanz
Lange bevor es Standard- und Lateintänze gab, war Tanz ein selbstverständlicher Teil des täglichen Lebens. Bereits im
Mittelalter tanzten Menschen aller Stände – Bauern auf Dorffesten, Adelige in Burgsälen, Geistliche bei kirchlichen Feiern. Typisch waren
Reigen-, Ketten- und Sprüngetänze: Männer und Frauen reichten sich die Hände und bewegten sich in Reihen, Kreisen oder Schlangen durch den Raum. Tanz war kein elitäres Vergnügen, sondern ein gemeinschaftliches Erlebnis – und wurde von der Kirche oft kritisch beäugt, manchmal sogar verboten.
Mit der italienischen
Renaissance des 15. und 16. Jahrhunderts änderte sich das Bild grundlegend. An den Höfen von Florenz, Mailand und später Paris wurde der Tanz zur höfischen Kunst erhoben. Die ersten Tanzmeister Europas – Domenico da Piacenza, Fabritio Caroso, Cesare Negri – schrieben Lehrbücher und reisten von Hof zu Hof. Wer am Hof tanzen konnte, bewies Stil, Bildung und gesellschaftlichen Rang. Tanz wurde zu einem Werkzeug der Diplomatie und der höfischen Selbstdarstellung.
Typische Tänze dieser Ära waren die
Basse danse, die feierlich-langsame
Pavane und die lebhaftere
Galliarde mit ihren Sprüngen und Kapriolen. Thoinot Arbeaus „Orchésographie" von 1589 hielt diese frühen Gesellschaftstänze schriftlich fest – ein Meilenstein der Tanzdokumentation. Schon damals zeigte sich ein Prinzip, das den Gesellschaftstanz bis heute prägt: Er ist ein
kulturelles Spiegelbild seiner Zeit.
Barock und die große Zeit des Menuetts
Im
17. und 18. Jahrhundert erreichte der Hoftanz mit dem
Menuett seinen Höhepunkt. Am Hof Ludwigs XIV. von Frankreich – des „Sonnenkönigs", der selbst leidenschaftlich tanzte – wurde das Menuett zum Inbegriff höfischer Eleganz. 1661 gründete Ludwig XIV. die
Académie Royale de Danse, die erste staatliche Tanzakademie der Welt. Sein Ballettmeister Pierre Beauchamp legte hier die
fünf klassischen Fußpositionen fest, die bis heute jede Ballett- und Standardtanz-Ausbildung prägen.
Das Menuett war kompliziert, formell und stark choreografiert. Jede Verbeugung, jeder Schritt, jeder Blick folgte strengen Regeln. Tanz war nicht spontaner Ausdruck, sondern
höfische Etikette in Bewegung – und ein Test gesellschaftlicher Reife.
Das 19. Jahrhundert: Walzer, Wiener Kongress und der Bürgerball
Der Wiener Walzer – Revolution auf der Tanzfläche
Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts verändert ein neuer Tanz die Welt: der
Wiener Walzer. Aus den ländlichen Dreher-Tänzen Süddeutschlands und Österreichs entstand ein rasanter Paartanz, bei dem sich Mann und Frau – zum ersten Mal in der Geschichte des Gesellschaftstanzes – in
geschlossener Tanzhaltung umarmten. Was heute selbstverständlich klingt, war damals ein veritabler Skandal: Kirche und Adel beklagten den „unsittlichen Drehtanz", in dem sich die Geschlechter so nahekamen.
Der
Wiener Kongress 1814/15 wurde zum Katalysator: Während Europas Diplomaten die Nachkriegsordnung verhandelten, tanzte Wien Walzer. „Le congrès danse, mais il ne marche pas" – „Der Kongress tanzt, doch er kommt nicht voran" – wurde zum geflügelten Wort. Der Walzer war damit angekommen, und mit den Komponisten
Joseph Lanner und vor allem
Johann Strauß Vater und Sohn wurde Wien zur unbestrittenen Welthauptstadt des Walzers.
Polka, Mazurka, Galopp – Tanzfieber im Biedermeier
Das 19. Jahrhundert brachte ein regelrechtes Tanzfieber nach Europa. Aus Böhmen kam die
Polka (um 1830), aus Polen die
Mazurka, dazu kamen Galopp, Schottisch und Quadrille. Tanzlokale schossen aus dem Boden, in Wien entstand mit den Sträußen das musikalische Pendant zum Tanzboom. Erstmals in der Geschichte tanzte nicht mehr nur der Adel, sondern auch das aufstrebende
Bürgertum – in eigenen Sälen, mit eigenen Lehrern, eigenen Festen.
Der Bürgerliche Ball – Tanz als gesellschaftliches Ritual
Aus dieser Zeit stammt eine Tradition, die in Wien bis heute lebendig ist: der
Ball. Der
Wiener Opernball findet seit 1877 statt und gilt weltweit als Inbegriff der Ballkultur. Debütantinnen in Weiß, das Komitee in Frack und Robe, die feierliche Eröffnungspolonaise, der Ruf „Alles Walzer!" – jedes Jahr aufs Neue zelebriert Wien hier seine Tanztradition. Über
450 Bälle pro Saison machen die Stadt zur unangefochtenen Ball-Metropole Europas.